#wirfuerhannes

#wirfuerhannes geht nicht aus meinem Kopf.

Ich frage mich einfach, ob es das jetzt war. Fast 5000 Tweets zu dem Hashtag… und jetzt?

War es das? Hannes ist tot, hat nicht geklappt mit dem Hashtag und jetzt wieder weiter über Pokemon und Burger schreiben?

Auch die zahlreichen Tweets danach, die Depression zu einem Thema in der Gesellschaft machen wollen.

 Ich frage mich, wie man die Diskussion anstrengen kann. Kann es ein Trost für die Familie sein, wenn die Diskussion und die Auseinandersetzung und die Aufmerksamkeit Hannes Vermächtnis wären?

Ich merk einfach, wie die Sache mich – obwohl ich ihn überhaupt nicht kannte und nur durch Ben und Björn in meiner Timeline davon erfahren habe – berührt. Ein Typ, den ich glaube ich gemocht hätte. Gewinnendes, spitzbübisches Lächeln. Ein Typ, der nach dem Tode Götz Georges im Schimanski Look zur Arbeit ging. Der mit #einbuchfuerkai Tausende zum Kauf eines Buches und Amazon auf den Verzicht ihres Anteiles am Buchverkauf bewegte.

Und wenn ich Hannes wäre, was würde ich hinterlassen wollen? Er spricht in seinem Abschiedsbrief von der Täuschung und wie er sich und andere getäuscht hat. Würde ich mir nicht wünschen, dass andere ihre Umwelt und sich selbst nicht mehr täuschen müssen?

Muss das Hashtag #wirfürhannes nicht mit neuem Leben gefüllt werden anstatt nur mit der verzweifelten Suche nach jemandem, der jetzt tot ist? Das Netz vergisst nie und soll es das sein, was nicht in Vergessenheit geraten kann?

Erst mal bleibt nur Johannes letzter Wunsch:
„Wenn ich einen letzten Wunsch hätte, dann wäre es der hier: Schaut in jeder Situation gemeinsam nach vorn. Seit achtsam mit euch selbst und dann aufeinander. Macht die Welt im Großen wie im Kleinen wieder zu einem guten Ort. Lebt den Gedanken, dass das gemeinsam im Miteinander möglich ist, weiter. Das wäre mir ein letzter Trost. Vielleicht bekommt mein Dasein dann doch noch einen Sinn.“
Wird gemacht, Johannes Korten, wird gemacht. Und dir eine gute Reise.

Hintergrund:
Am vergangenen Montag tauchte in meiner Timeline auf facebook ein Suchaufruf von Ben nach Johannes Korten auf. Weil er aus Bochum stammte und ich eine persönliche Verbindung zwischen Ben und Johannes vermutete, habe ich kurz nachgeschaut, wie diese Verbindung sein könnte. Dadurch bin ich auf Johannes Abschiedsbrief und das Hastag #wirfuerhannes gestoßen. Weil Johannes in der Social Media und Blogosphäre sehr aktiv war, kannten viele der Twitterer zu diesem Hastag ihn persönlich. Ich erfuhr so ein wenig mehr über den Menschen, sein Vater-sein, seine Ansichten.

2 Gedanken zu “#wirfuerhannes

  1. Du hast Recht: Die ganze Geschichte wirkt länger nach. Und mir gehen immer noch viele Gedanken durch den Kopf, weil ich halt auch einige Gespräche in den letzten Tagen rund um das Thema geführt habe.

    Vorab: Ich kannte (Jo)Hannes auch gar nicht persönlich. Ich folgte ihm nicht mal. Aber durch seine vielfältigen Aktivitäten – allem voran natürlich „Ein Buch für Kai“ – und seine starke Vernetzung mit meiner persönlichen Filterblase, die mir immer den ein oder anderen Retweet seiner Beiträge beschert hat, sagte mir der Name natürlich etwas und ich verband diesen grundsätzlich mit einem „guten Kerl“. Als Montag dann der Suchaufruf durch die Timeline rasselte, war es selbstverständlich, diesen auch zu unterstützen. Vom ersten Moment an machte mir das alles aber irgendwie mehr Sorgen, als ich erwartet hätte. Ich meine, wo ist der Unterschied, wenn auf Twitter jemand, den man nicht kennt, nie gesehen hat, verschwindet, zu dem Moment, in dem man Vergleichbares in der Zeitung liest über eine andere Person, die man nicht kennt? Natürlich in diesem speziellen Fall, dass es ziemlich viele Leute aus meinem Bekanntenkreis sehr betroffen gemacht hat. Aber auch, dass soziale Netze eine eigenartige Nähe aufbauen, wo manchmal gar keine ist. Man fühlt sich verbunden mit Menschen, die man sie zuvor gesehen hat.

    Als ich las, dass Hannes Kinder hat, hat es mich noch mal mehr angegriffen. Das können Nicht-Eltern glaube ich gar nicht verstehen, was einem da alles durch den Kopf geht. Als ich dann von seinem Tod erfuhr, war ich wirklich schockiert. Einerseits gibt es einfach zu wenige, die das Internet als „guter Kerl“ prägen, in Zeiten, in denen man manchmal vermutet, die Deppen, die Arschlöcher da draußen, die AfDler, die Rassisten, die Terroristen, hätten das Internet längst übernommen. Andererseits glaube ich aber auch, dass bei vielen, die sich im Laufe des Montags für die Suche eingesetzt haben, am Ende ein schales Gefühl einer Niederlage blieb. Man glaubt immer, mit ein paar Hashtags, Retweets und Posts könnte man was-weiß-ich-nicht-alles bewegen. Aber manchmal bringt es gar nichts. Das ist Realität. Und das ist traurig.

    Traurig ist auch, dass mit Twitter Johannes am Tage nach seinem Tod noch als „Person-to-follow“ vorgeschlagen hat. Auch so etwas, an dass wir uns wohl gewöhnen müssen. Ebenso wie an die Tatsache, dass wir alle keine 20 mehr sind. Das Internet wird älter mit seinen Nutzern. Nutzer sterben. An Krebs. Bei Unfällen. Oder „einfach so“. Und dann ist es wieder da, dieses komische Gefühl der Nähe, das einem auch die eigene Sterblichkeit vor Augen führt. Aber das ist ein anderes Thema.

    Was das Thema Suizidgefährdung angeht, können wir aus dem Tod von Hannes glaube ich nur eine Lehre ziehen: aufmerksam sein, mit den Leuten sprechen. Und wenn gar nichts mehr hilft, dann hilft auch kein Retweet. Manchmal muss es halt der Anruf bei Polizei oder Feuerwehr sein – und dann kann man nur hoffen, dass dieser nicht zu spät kam. Denn wenn jemand wirklich plant, sich umzubringen, dann zieht er das in der Regel auch durch.

    • In meinem Leben war das jetzt der dritte Suizid, der mich mehr beschäftigt hat. Weil ich die Leute kannte. Oder weil ich gesehen habe, wie es Menschen aus meinem Umfeld beschäftigt und berührt hat.

      Auch das mit den Kindern kann ich nachvollziehen. Durch einige Ereignisse in der jüngeren Vergangenheit und mit fortschreitendem Alter schleicht sich oft der Gedanke ein, wie schnell das Leben vorbei sein kann. Andere Wege einschlägt, als geplant – sofern man da was planen kann. Und dann sehe ich meine Kinder an und hoffe, dass sie irgendwann mal über viel Dinge mit Stolz sagen „Das habe ich von meinem Papa.“

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